okonomiyaki

Posted: Januar 27th, 2010 | Author: admin | Filed under: Allgemein | Tags: , , , | No Comments »

Die Buchkünstlerin Veronika Schäpers ist gerade dabei, mit diesem Text ein Künstlerbuch herzustellen.

Yoko Tawada

Okonomiyaki

Das menschliche Leben ist ein Kommen und Gehen von Eiweiß. Einmal sagte ich zu einem Frankfurter Bekannten, dass einhundert Gramm Tofu mehr Eiweiß enthalten als einhundert Gramm Huhn. Er schüttelte den Kopf verneinend und sagte: „Das kann nicht sein. Sojabohnen legen keine Eier. Woher kann das Eiweiß kommen?“

Tintenfisch heißt IKA auf Japanisch. IKA bedeutet auch Verfremdung.

Bei einem Menschen ist es keine Tugend, sich klebrig, zähflüssig oder schleimig zu verhalten. Von einer Yamaimo-Wurzel wird aber erwartet, dass sie diese Eigenschaft zeigt, wenn sie gerieben wird. Man kann sie so essen, man kann sie aber auch in den Okonomiyaki-Teig untermischen. Der Joghurt, die Natto-Stinkbohnen, der Stinkkäse, die Yamaimo: Alles Schmeimige und Stinkige ziehen das Leben in die Länge.

Im Pazifik schwimmt kein viereckiger Fisch, der Fischstäbchen heißt.

Der Ingwer soll ungemein potent sein. Aber in welchem Bereich er wirklich potent ist, weiß nicht jeder.

Der Okonomiyaki ist nichts anderes als ein Pfannkuchen, sein Teig besteht aus Weizenmehl und Wasser. Bei ihm ist aber besonders, dass man die individuelle Vorliebe (konomi) bei der Zubereitung wichtig nimmt. Man darf alles hinzufügen. Man darf jede Konvention und Tradition ignorieren. Manche schütten einen Schuss Coca-Cola in den Teig, damit er lockerer wird.

Die Mayonnaise ist der Sündenbock in Deutschland. Jede moderne Krankheit, jede Geschmacklosigkeit, jeder Neonazi-Junge, jede Wirtschaftskrise, jeder Schmutz in der Umwelt und jede kapitalistische Schweinerei kommen angeblich dadurch zustande, dass man die Mayonnaise akzeptiert. Für den Okonomiyaki ist sie aber mittlerweile fast unfehlbar geworden. Sie ist eine seltene Vermittlerin, die einen mageren, masochistischen Heiligen mit einer übergewichtigen Kreativität zusammenbringen kann.

Ein Schwein in Scheiben schneiden und gemeinsam mit der Schneide schweigen.

Mentaiko: die Portraits der ungeborenen Dorsche, gemalt mit roten Perlen.

Die Erdbeeren und die Schokolade können überall dabei sein, wo das Mädchen-Sein gefeiert wird.

Die Kammmuschel hat zwei Säulen und drei m in ihrem Gehäuse.

Für einen Ökonomiyaki würde man nur Biogemüse verwenden.

Ich träumte von einem Feld, aus dem unzählige Köpfe wuchsen. Die blassen Weißkohlköpfe. Der Himmel war dunkelblau, der Mond saß auf einem Strommast. Wie viel Zeit gab es noch, bis das nächste Kapitel beginnt? Zwei Kohlblätter lösten sich von einem Kohlkopf ab, flogen auf und flatterten zusammen in der lauwarmen Luft. Sie blieben nebeneinander. Es wurde bald dunkel, aber die zwei leuchtenden Blätter verloren einander nicht. Wie lange müssen sie noch zusammen fliegen, bis sie zu einem Schmetterling werden?

Der gute Geschmack kommt aus der Angst der Großbürger. Der schlechte hat hingegen keine Herkunft, bestimmt aber die Farben der Gegenwart.

Auf der Heißplatte befindet sich eine Weltkarte, auf der jeder Gast seinen imaginären Kontinent malen kann. Die Wälder aus grünem Seetang wachsen auf einem Mayo-Sumpf, während die kleinen getrockneten Krabben schüchtern schwimmen. Die hungrige Landschaft kennt keine Ländergrenzen.