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		<title>St.Nazaire</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jan 2010 23:20:21 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Yoko Tawada
Saint-Nazaire: Das Unterwasserhaus
Was lag zwischen dem Atlantik und dem Himmel? Was war dort entfernt worden? Ist die Wunde zugenäht? Von heilen möchte ich nicht sprechen. Wo ist das Grenzgebiet? Ich sehe keine Naht zwischen dem Flüssigen und dem Luftigen, denn genau dort steht ein U-Boot-Bunker. Er ist noch höher und länger als ein Schiff, [...]]]></description>
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<p align="left">Saint-Nazaire: Das Unterwasserhaus</p>
<p align="left">Was lag zwischen dem Atlantik und dem Himmel? Was war dort entfernt worden? Ist die Wunde zugenäht? Von heilen möchte ich nicht sprechen. Wo ist das Grenzgebiet? Ich sehe keine Naht zwischen dem Flüssigen und dem Luftigen, denn genau dort steht ein U-Boot-Bunker. Er ist noch höher und länger als ein Schiff, das im neuen Hafen auf die nächste Luxus-Kreuzfahrt wartet. An manchen Orten gibt es Menschen, die eifrig Nachkriegslandschaften gestalten.   Jedes Jahr im November, wenn alle Touristen schon längst die Stadt verlassen haben, steigt hier eine Dichterin mit einem Koffer aus dem Zug aus und läuft langsam aber entschlossen den Weg runter zum Hafen. Im Koffer befindet sich eine luftige Bluse ohne Knopf. Sie hat schon alle Knöpfe von ihren Kleidungen entfernt und in Wörter verwandelt. Am nächsten Tag steigt noch eine andere aus einem Zug, die auch mit Wörtern arbeitet. Sie hat ihren eigenen Kaffeebecher mitgebracht. Dann folgt noch eine, die schreibt. Schreiben ist ein weiterer Begriff. Sie geht tagsüber spazieren, am Abend sagt sie: Ich habe heute den ganzen Tag geschrieben. Es kommen viele weitere schreibende Menschen zur Stadt. Sie kommen von den nördlichen Halbinseln Europas oder aus der südwestlichen Richtung. An einem bestimmten Wochenende, wenn der starke Wind die Wolken herbeiruft und wieder wegschickt, treffen sie sich im letzten Raum des Bunkers.   Jeder muss seinen Weg gehen, um den letzten Raum zu erreichen. Einige trinken zuerst in einer der Strandkneipen Whisky und dann nehmen sie einen Seiteneingang, so dass sie nicht durch den ganzen Bunker gehen müssen. Andere schreiten mutig in die Mitte des Gebäudes, blicken wie Kirchenbesucher auf die hohe Decke. Kein Engel schwebt dort, aber auch kein Kampfflugzeug. Links und rechts ragen vom nassen Betonboden hohe Innenwände, die den Bau in längliche Lagerräume aufteilen. Auf der grauen Beton-Haut kann man noch deutsche Wörter erkennen. Ich lese zwei Wörter: darf und nicht. Das Licht scheint sanft auf die üblichen Buchstaben, die fast verschwunden sind. Man könnte sie noch lesen, wenn man näher rangehen würde.   Es gibt ein Wasserbecken mitten im Raum, das ein Stück Atlantik in den Bunker hineinführt. Habe ich nicht von einem Wohnzimmer geträumt, in dem sich ein Wasserbecken befindet? Wer kann sich schon zu Hause fühlen, wenn ein Stück Ozean ins Wohnzimmer hineinfließt? Das Meer ist ein Geschenk und eine Verbindung zur unbekannten Welt. Es schmeckt salzig, es besänftigt nicht den Durst, es ist schmerzhaft, das Salzwasser im Wohnzimmer zu haben.   Auf der Oberfläche des Wassers mit ihren dunkelgrünen Falten schwimmt ein tristes Gesicht, das beim letzten Konzert vergessen worden war. Dieses Konzert war auch ein Versuch, vom letzten Krieg zu erzählen.</p>
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